Tehmen,

die sich mit dem Verbrechen an Kindern und Schutzbefohlenen

auseinandersetzen

Verwahrlost und Gefährdet?

So lautet der Titel des Begleitbuches, das das Landesarchiv Baden-Württemberg zu der Wanderausstellung herausgebracht hat. Es handelt sich um ein vollständiges Werk, das die verschiedenen Aspekte der Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 wissenschaftlich aufarbeitet. Anhand von Dokumenten und Aussagen der ehemaligen Heimkinder werden die historischen Wurzeln, der Alltag, die Strukturen und Verantwortlichkeiten, die Suche nach der Gerechtigkeit und die Suche der Betroffenen nach einem würdevollen Leben untersucht.

Die wissenschaftlichen Abhandlungen werden für den Leser, vor allem für die das nicht erlebt haben, plastisch und nachvollziehbar durch die Zeitzeugenberichte.

Korntal ist nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchungen, es gibt aber einen Zeitzeugenbericht aus Korntal, der mich sehr beeindruckt hat. Es geht darin nicht um spektakulären Missbrauch, es geht um die alltägliche Gewalt, den Sadismus, mit der sie ausgeübt worden ist und die emotionale Vernachlässigung. Es wird unter anderem beschrieben, dass die Kinder jeden Abend ohne konkreten Anlass von der Schwester L. mit einem eigens dafür in heißem Wasser erhitzten Kleiderbügel verprügelt wurden, dass die stellvertretende Heimleiterin sie dabei unterstützte. Die schlimmen Folgen sind für die Zeitzeugin noch heute allgegenwärtig.

In den wissenschaftlichen Abhandlungen finden sich Ansätze für die Erklärung der gegenwärtigen Situation in Korntal, wo sich Opfergruppen heftig befehden. „Das demütigende Vorführen der Bettnässer zeigt, dass Kinder und Jugendliche für die Bestrafung gegeneinander eingesetzt wurden. Strafen wie das Vorführen, die andere Kinder Teil der Strafe werden ließen, verstärkten die bereits vorhandenen Hierarchien im Heim, die wiederum die Solidarität zwischen den Kindern erschwerten.“ "Das Fördern von Gruppenkeile durch Erzieher und das Bestrafen von Kindern, die an der Bestrafung anderer Kinder nicht teilnehmen wollten, verstärkte diese Dynamiken weiter und war für beides Seiten demütigend.“ Bestimmte Verhaltensweisen scheinen heute noch nachzuwirken. Man stellt sich auf die Seite der Autorität und „bestraft“ die Unbotmäßigen. Veröffentlichungen in den sozialen Netzwerken legen dies nahe.

Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen. Man bekommt einen Eindruck davon, was die Aufarbeitung in Korntal noch leisten muss.

Das Buch „Verwahrlost und Gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949 - 1975“ ist im Buchhandel für 15 € erhältlich.

Dr. Ludwig Pätzold

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