Presseerklärung

PM der Brüdergemeinde Korntal zum Treffen des NBF

 

„Der Mediationsprozess ist in einer sehr kritischen Phase“

Stellungnahme zu den neuen Vorwürfen von ehemaligen Heimkindern

K o r n t a l / 29. November 2016 – In der Ausgabe der Ludwigsburger Kreiszeitung vom 28. November 2016 wird berichtet, Mädchen seien in den 1960er und 70er Jahren im Kinderheim Flattichhaus Korntal regelmäßig mit Psychopharmaka sediert worden. Die Vorwürfe wurden erstmals beim Treffen am 26. November der Gruppe „Netzwerk Betroffenenforum“ um Detlef Zander geäußert.

Der Vorsteher des Werks der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal, Klaus Andersen, erklärt dazu:

„Wir nehmen diese Vorwürfe genauso ernst wie alle Aussagen ehemaliger Heimkinder, die in Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal im fraglichen Zeitraum untergebracht waren. Wir wollen, dass alle Vorfälle auf den Tisch kommen und aufgearbeitet werden.

Gleichwohl sind wir sehr verwundert über diese Berichterstattung. Wir hatten uns mit Herrn Zander im September darauf verständigt, gemeinsame Wege über eine Mediation zu suchen, um verloren gegangenes Vertrauen Wiederzugewinnen und um die gemeinsame Aufarbeitung neu zu starten. Dieser Verständigungsprozess mit Herrn Zander und dem Netzwerk Betroffenenforum läuft aktuell. Die von uns beauftragten Mediatoren Professorin Dr. Elisabeth Rohr und Gerd Bauz gehen im wahrsten Sinne weite Wege, um Treffen zu ermöglichen und von der Gruppe den nötigen Auftrag zur Mediation zu erhalten, den diese seit Sommer jedoch verweigert. Einen Auftrag zur Mediation haben die beiden Mediatoren bereits von der Gruppe „Heimopfer Korntal“, den Vertretern ehemaliger Mitarbeiter der Kinderheime sowie von der Brüdergemeinde erhalten. Alle warten jetzt auf das Netzwerk Betroffenenforum um dessen Sprecher Detlev Zander. Jetzt wurde das für den 6. Dezember in Nürnberg geplante Treffen mit den Mediatoren von Vertretern des Netzwerks Betroffenenforum ohne nähere Begründung abgesagt. Hier sollte eigentlich der Auftrag zur Mediation eingeholt werden, bevor der Prozess am runden Tisch startet.

Wir rufen das Netzwerk Betroffenenforum dringend dazu auf, den mit den Mediatoren vereinbarten, geordneten Verständigungsprozess nicht weiter zu verzögern und die angebotenen Gesprächstermine wahrzunehmen. Einseitige Presseveröffentlichungen helfen nicht. Wie erste Reaktionen in sozialen Netzwerken zeigen, schürt diese Vorgehensweise vor allem Aggressionen und Vorverurteilungen, die einen Verständigungsprozess immer schwerer machen. Der Mediationsprozess ist aktuell in einer sehr kritischen Phase.“

 

Die LKZ berichtet über das Treffen des NBF:

 

MissBrauchsskandal
Ludwigsburg | 28. November 2016


 

„Täglich ein Becherle mit Smarties“

Neue, schwere Vorwürfe gegen die Heimerziehung in Korntal: Im Flattichhaus, dem kleineren der beiden Heime der Evangelischen Brüdergemeinde, sollen Mädchen jahrelang mit Psychopharmaka sediert worden sein. Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen, geriete neben der pietistischen Gemeinschaft auch das Kreis-Jugendamt in Erklärungsnot.


 

„Wir alle haben zum Essen jeden Tag unser Becherele mit Smarties bekommen“, erinnert sich Frau A. Der Grund: Die Kinder ihrer Gruppe sollten ruhig gestellt werden. Diese Praxis soll in den 1960er und 1970er Jahren im Flattichhaus gang und gäbe gewesen sein – auch wenn die Psychopharmaka nicht in allen Gruppen am Esstisch verabreicht, sondern Mädchen dazu Tag für Tag der Reihe nach einbestellt worden sein sollen. Frau A. war später für einige Zeit drogenabhängig, was sie auf die Medikation in Korntal zurückführt. Nichts sei einer Sucht förderlicher als Arzneimittelmissbrauch in der Kindheit.

Mehrere Frauen berichteten am Samstag bei einem Treffen des Netzwerks Betroffenenforum über ihre „Erziehung“ mithilfe von Psychopharmaka. Verordnet hätten die Medikamente zwei Ärztinnen – darunter eine Psychiaterin –, die vom Jugendamt nicht nur in Korntal, sondern auch andernorts mit der Behandlung von Heimkindern beauftragt gewesen seien. Ob die beiden Ärztinnen den Mädchen die fraglichen Medikamente auf Wunsch der Heimleitung oder aus eigenen Stücken verschrieben haben, ist offen. Aus dem größeren der beiden Korntaler Kinderheime, dem Hofmannhaus, sind aber keine vergleichbaren Fälle bekannt. Hier waren andere Ärzte tätig als die von den Betroffenen beschuldigten Medizinerinnen. Im Flattichhaus stechen fünf Fälle heraus:

Frau B. berichtet, sie habe im Flattichhaus über längere Zeit Bellergal erhalten. Dabei handelt es sich um ein Barbiturat, das in Deutschland 2007 vom Markt genommen wurde. Verabreicht wurde die Arznei Frau B. wegen morgendlicher Schwindelgefühle – ein Symptom, das bei Kindern und Jugendlichen in Wachstumsphasen nicht unüblich ist. Die offenbar gewünschte Sedierung trat im Fall von Frau B. übrigens nicht ein: Sie habe sich „high“ gefühlt – und sei „wie ein Engelchen durch die Luft geschwebt“. Tatsächlich gehörte Bellergal zu den Schlafmitteln, die bei Kindern und Senioren nicht nur beruhigend, sondern auch stimulierend wirken können. Schon 1978 geriet ein evangelisches Kinderheim in Hannover wegen der Verabreichung von Bellergal an Heimkinder in die Schlagzeilen.

Frau A. und Frau C. berichten über die Langzeitbehandlung mit Truxal, Atosil und Haldol. Alle drei Medikamente sind sogenannte Neuroleptika, die zur Sedierung und teils auch zur Behandlung schwerer psychotischer Störungen verabreicht werden. Atosil und Truxal gelten als „nieder-potent“ (schwach wirkend) und werden vor allem zur Beruhigung gegeben, dagegen wurde das hoch-potente Haldol schon kurz nach seiner Markteinführung in den frühen 1960er Jahren als Mittel der Wahl bei Schizophrenie und Halluzinationen angesehen.

Frau D. erhielt jahrelang Ergenyl. Auch dabei handelt es sich um ein Neuroleptikum, das zur Behandlung von Epilepsie sowie in den manischen Phasen im Falle der bipolaren (manisch-depressiven) Störung verordnet wird. In diesen Jahren habe die behandelnde Ärztin ihre Hirnströme regelmäßig durch Elektroenzephalogramme (EEG) überwacht. Irgendwelche Anfälle hat Frau D., die das Medikament von sich aus absetzte, als sie aus Korntal wegzog, zeitlebens nicht gehabt. Als sie ihrem Frauenarzt anlässlich ihrer ersten Schwangerschaft von ihrer jahrelangen Ergenyl-Einnahme berichtete, war dieser entsetzt – das Medikament kann während der Schwangerschaft zu Missbildungen des Fötus‘ führen. Ein von dem Mediziner sofort verordnetes, neues EEG ergab laut Frau D. keinerlei Hinweise darauf, dass sie je an Epilepsie gelitten hätte.

Frau E. erhielt jahrelang ein Herzmittel, das sie noch beschreiben, an dessen Namen sie sich jedoch nicht mehr erinnern kann. Herzkrank ist Frau E. bis heute niemals gewesen. „Warum verschreiben Ärzte Kindern ein Herzmittel, die gar keine Probleme mit dem Herz haben“, fragt sie. Es ließe sich ebenso fragen, weshalb eine Ärztin bei einem Mädchen, das keine Epileptikerin ist, regelmäßig die Wirkung eines Epilepsie-Mittels per EEG überprüft.

Antworten auf diese und andere Fragen werden die Betroffenen möglicherweise nie erhalten – selbst der Nachweis einer bewussten Fehlmedikation mit dem Ziel ihrer Sedierung dürfte ihnen schwer fallen. Denn es existieren zumindest im Fall der genannten fünf Betroffenen keine Patientenakten mehr. Wohl aber tauchen zumindest in der Vormundschaftsakte von Frau C. regelmäßig nennenswerte Arzt- und Arzneikosten auf. Bezahlen musste die das Jugendamt des Landkreises, dessen Vertrauen die beiden beschuldigten Ärztinnen genossen haben sollen.


 

STEFFEN PROSS


 

 

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